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„Wir stehen vor dem bedeutendsten Technologiewandel aller Zeiten, dessen Ausmaße wir – noch – nicht begreifen können. Dennoch ist es unsere Aufgabe, ihn zu gestalten.“

Der französische Ökonom Philippe Dessertine bezeichnet den Aachener Vertrag als Chance für die Grenzregionen zwischen Deutschland und Frankreich, um in einer neuen Weltordnung weiterhin eine wichtige Rolle zu spielen. „Wir müssen uns auf unsere Stärken besinnen: unsere gemeinsame Kultur, unsere gemeinsamen moralischen Werte und nicht zuletzt auf unsere enormen Ersparnisse von 10.000 Milliarden Euro, die wir in die Zukunft investieren müssen – und nicht in die Old Economy.“ An der Veranstaltung, die gestern in der CCI Alsace stattfand und von der SaarLB sowie der CCI initiiert wurde, nahmen zahlreiche Akteure aus der Wirtschaft und Politik teil.

Philippe Dessertine bezeichnete die immer stärker werdende Angst der Menschen vor kultureller Unterwanderung von außen, den Klimawandel sowie das Problem der Mobilität bzw. der steigenden Mieten als die größten Herausforderungen, die gemeistert werden müssen, um ein neues Wirtschaftsmodell zu erfinden. „Über Jahrhunderte haben wir unsere angeblich ‚überlegene‘ Kultur in die ganze Welt exportiert – wo sie z. T. freiwillig aufgenommen, meist aber aufgezwungen wurde. Heute erleben wir die Umkehr dieses Prinzips.“ Dabei sei der Prozess der kulturellen Unterwanderung von innen bereits in vollem Gange: „Wir müssen lernen, damit umzugehen. Keinesfalls aber dürfen wir die Ängste der Menschen vor einer kulturellen Kohabitation ignorieren: Das würde vor allem populistischen Meinungsmachern in die Hände spielen, die schon heute die richtigen Fragen stellen, aber die falschen Lösungen präsentieren.“

Der Klimawandel steht für Dessertine im Zentrum des neu zu erfindenden ökonomischen Modells. „Das aktuelle Modell wurde für 600 Millionen Westeuropäer erschaffen. Für 7,7 Milliarden Menschen reicht es nicht!“ Die Zukunft gehöre aber nicht den ‚Verhinderern‘, sondern den Erfindern: die Lösung liege hier nicht im Verzicht, sondern vielmehr in den Innovationen.

Deutschland und Frankreich – und besonders die Grenzregionen – seien bei den beiden letzten industriellen Revolutionen das „Silicone Valley“ gewesen: die Elektrizität, das Automobil, die Luftfahrttechnik seien hier erfunden worden. „Leider haben wir den ersten Zug der aktuellen technischen Revolution, sprich der Digitalisierung, komplett verpasst – es gibt kein europäisches Google, Amazon, usw.  Der zweite Zug – die Architektur der Cloud – ist ebenfalls ohne uns losgefahren. Wenn wir den nächsten – die Blockchain – nicht auch verpassen wollen, müssen wir jetzt massiv in die neuen Technologien investieren.“

Die von Macron feierlich angekündigten 5 Milliarden Euro Unterstützung für die French Tech seien ein Witz: „Wir irren uns im Maßstab: Um hier mitzuspielen, müssen wir 20 oder 40 Milliarden Euro auf den Tisch legen.“ Bei Ersparnissen von mehr als 10.000 Milliarden Euro sei das eigentlich kein Problem – doch leider investierten Frankreich und Deutschland immer noch in Werte der Old Economy, die es morgen vielleicht schon nicht mehr geben werde.

„Der Vertrag von Aachen, der Technologiewandel, das alles sind Instrumente, um die Zukunft aktiv zu gestalten. Wir müssen heute damit anfangen – nicht zu denken, sondern zu handeln! Große Unternehmen werden sterben bzw. sich neu erfinden müssen, weil sie keine Innovationen mehr hervorbringen. Darin liegt unsere Chance, um gegen die ‚Supernovas‘ wie Google oder Amazon zu bestehen. Unser Ziel ist keine perfekte Welt, sondern eine, in der es sich auch in der Zukunft noch leben lässt.“

Jean-Luc Heimburger, Präsident der CCI Alsace Eurométropole, hat während seiner Begrüßung den Aachener Vertrag als Chance für die grenzüberschreitenden Regionen bezeichnet: „Der Erfolg der grenzübeschreitenden Zusammenarbeit in unserer Region ist von entscheidender Wichtigkeit: Hier können wir zeigen, dass die Idee eines vereinten Europas immer noch funktioniert: Aus allen Regionen das Beste zusammenzubringen, damit alle gemeinsam davon profitieren können.“ Catherine Trautmann, Vize-Präsidentin der Eurometropole Straßburg,

„Die deutsch-französische Zusammenarbeit ist in allen Bereichen für die Stadt Straßburg und ihre Region von großer Bedeutung. Der Aachener Vertrag wird es ermöglichen, die bilateralen Beziehungen innerhalb der Grenzregionen zu erneuern und neue Projekte zur Stärkung der Zusammenarbeit einzubringen, wie z. B. das deutsch-französische Forum der SaarLB, der Pôle Franco-Allemand.“

Roland Theis, Staatssekretär und Europabeauftragter im Saarland, wies ebenfalls auf die Chancen des Aachener Vertrages hin: „Der Elysee-Vertrag bleibt der Eckpfeiler der deutsch-französischen Aussöhnung. Der am 22. Januar unterzeichnete Aachener Vertrag jedoch setzt neue Ziele und bietet politischen und wirtschaftlichen Akteuren neue Instrumente. Jetzt müssen wir konkrete Projekte auf den Weg bringen, die diesen Vertrag mit Leben erfüllen.“  

Frank Eloy, Mitglied des Vorstandes der SaarLB, betonte: „Das Engagement für zukunftsweisende grenzüberschreitende Projekte liegt der SaarLB quasi im Blut. Unsere jüngste Initiative, der Pôle Franco-Allemand,  unterstützt und begleitet deutsch-französische Investoren von der ersten Idee bis zur Realisierung bei grenzüberschreitenden Projekten. Für diese Plattform konnten wir renommierte Netzwerkpartner aus dem deutsch-französischen Kontext gewinnen, um gemeinsam an der Zukunft unserer Metropolregion zu arbeiten. Daher freuen wir uns sehr, dass wir den renommierten Wirtschaftsexperten Philippe Dessertine für unsere heutige Veranstaltung gewinnen konnten.“

Porträt von Philippe Dessertine

Philippe Dessertine ist Professor an der IAE in Paris (Université Paris 1 Panthéon Sorbonne), wo er den Vorsitz der Professur für „Management und Governance des genossenschaftlichen Finanzwesen“ hat. Außerdem ist er  Inhaber der Professur für „Finanzierung der Landwirtschaft“. Seit 2004 ist er zudem Directeur de l’Institut de Haute Finance und Mitglied des Hohen Rates für Finanzen. Auf Grund seiner Expertise wird Philippe Dessertine oft von Behörden, Ministerien, Unternehmen und Berufsverbänden als Berater angefragt.